Letting Go.

Von drei Konzepten, die immer schon Gott und noch nie mir gehört haben.

„Ein bisschen Geld bitte“ – Die etwas ältere Frau hatte sich kurz vor der Abfahrt in Frankfurt Hbf in meinen Zug getraut, um die Fahrgäste noch schnell zu stören. Die Meisten blickten gar nicht auf und auch ich atmete genervt aus und schaute stur aus dem Fenster. Trotzdem begann ein kurzer Kampf in mir. Ich gebe aus Prinzip eigentlich nie Geld an Bettler, lade sie dafür gern zum Essen ein. Aber das ging ja jetzt nicht, weil mein Zug gleich abfahren würde. Ich befand mich in einer Zwickmühle und das störte mich, weil die Antwort nicht so leicht war, ich aber dennoch eine Entscheidung treffen musste, denn in wenigen Minuten würde die Frau fort sein. Meine Gedanken ratterten und hielten Ausschau nach einer sinnvollen Norm, die mir Orientierung geben könnte. Gleich würde sie auf meiner Höhe sein. Fieberhaft suchte ich nach einer guten, der ethisch richtigen Lösung. 

Wenige Tage zuvor hatte ich über die verschiedenen Bereiche meines Lebens nachgedacht und gemerkt, dass ich Dinge habe, die ich ziemlich egozentriert nutzte. Mir war aufgefallen, dass es Sachen gab, die ich immer ganz selbstverständlich als „meine“ angesehen hatte. Im Zuge dessen, dass ich wirklich alles für Gott und seine Vision hergeben wollte, waren mir drei Konzepte in den Sinn gekommen, die ich so festhielt, dass es eigentlich nicht gesund sein konnte. An diesem Abend in meiner WG hatte ich mir vorgenommen großzügiger damit umzugehen, sie herzuschenken, weil sie mir eigentlich nur geschenkt oder sogar geliehen sind. Nichts davon hat je mir gehört. Meine Sozialisierung allerdings hatte mich gelehrt, dass diese Konzepte „meine“ sind. Wovon spreche ich? 

Zeit.

Ich liebe es über Zeit nachzusinnen. So ein verrücktes Konzept! Wir denken es immer nur linear, aber wusstest du, dass es Kulturen gibt, die Zeit in Kreisen denken? Oder wer sagt dir eigentlich, dass eine Vorlesungsstunde, die sich wie fünf Stunden anfühlt nicht tatsächlich fünf Stunden dauert? Und vielleicht dauern zwei Stunden angeregte Gespräche mit einem Freund wirklich nur die gefühlten 30min. Wer sagt dir, dass du gerade zwei Stunden verbracht hast? Nur diese kleine tickende Maschine an deinem Handgelenk? Vielleicht ist Zeit viel fluider als du angenommen hast. Wir vertrauen so oft auf unser Gefühl, warum nicht in Sachen Zeit? Wir verstehen sie überhaupt nicht, aber tun so, als wäre sie das normalste der Welt. Dabei ist sie so unglaublich ungreifbar. Alles was wir haben ist die Gegenwart. Wir können die Zukunft nicht schneller herbeiholen und die Vergangenheit zu verändern vermag auch keiner. So fließt sie groß und mächtig durch die Welt. Und anstatt zu erkennen, dass wir es hier mit einem unglaublich kraftvollen und unaufhaltsamen Fluss zu tun haben, glauben wir oft vor uns liegt ein kleiner, plätschernder Bach. Anstatt zu begreifen, dass dieser reißende Fluss uns einen Platz immer nur in der Gegenwart weist und uns keinen Einblick in die Zukunft gewährt und uns nicht erlaubt zurück zu rudern, tun wir oft so, als könnten wir diesen kleinen, plätschernden Bach so steuern, wie wir wollen. Wir tun so, als könnten wir die Zukunft verändern und die Vergangenheit wieder gut machen. 

Ich habe das eigentlich mein ganzes Leben so gelebt und versucht meine Zeit immer festzuhalten und zu kontrollieren. „Ich muss meine Zeit effektiv nutzen und ich muss sie steuern und so mein Leben kontrollieren.“ Im Prinzip war das ungefähr der unbewusste Gedankengang. Wenn etwas ungeplant dazwischenkam, wenn auf einmal eine Bettlerin auftaucht, die vielleicht Zeit braucht, ich aber gerade keine habe, dann war das nicht drin. Warum? „Weil ich keine Zeit habe.“ Ich hatte nicht begriffen, dass ich noch nie Zeit „hatte“ und geglaubt, dass ich „meine Zeit“ richtig vergeben musste. Das hieß dann: So wie ich es geplant hatte und es am effektivsten schien. 

An diesem Abend in meiner WG wurde mir klar, dass das Leben so nicht läuft. Wenn Gott alles gehört, dann sicher auch meine Zeit. So verkrampft wie ich diese aber festhielt, hatte Gott da ziemlich wenig mit zu reden. Ich hatte meinen Kalender auf dieselbe Ebene wie Gott gestellt (wenn nicht sogar einen Ticken höher). Kam irgendwo eine Anfrage oder irgendwas dazwischen, dann fragte ich nicht: „Gott, willst du, dass ich das mache?“, sondern: „Kalender, haben wir da Zeit und lohnt sich das?“. 

Was hat sich verändert? Ich plane noch immer grundsätzlich gern und mein Kalender ist sicher immer noch das wichtigste Alltagstool meines Lebens. Aber meine Einstellung ist entspannter geworden. Mein Griff hat sich gelockert und ich habe begonnen mehr und mehr Befreiung über mein Festhalten zu erleben. Das hatte im Übrigen auch den Effekt, dass ich mich nicht mehr über meinen Kalender definiere. Egal wie viel ich mache, oder wie viel ich von den Terminen am Ende des Tages wahrgenommen habe: Das hat nichts über mich und meine Identität auszusagen. Ich definiere mich nicht über meine Leistung, nicht über die Anzahl der Termine und Meetings und nicht über mein ach so großartiges Organisationstalent. 

Zeit loszulassen und die Wahrheit, die ich eben niederschrieb zu leben, ist noch immer eine der größten Herausforderungen meines Lebens, aber ich beginne mehr und mehr loszulassen und merke, dass ich Frieden bekomme und die Gegenwart mit allem was Gott mir in ihr bietet mehr wahrzunehmen und mehr in ihr zu leben.

Geld.

„Ich hasse das Geld.“, ist einer der Sätze, die ich von meiner Mam wohl am häufigsten gehört habe. Das ist sicher einer ihrer Favorites, direkt zwischen: „Wo bist du?“ und „Praise the Lord.“ Keine Ahnung, wie diese Sätze miteinander in Einklang gebracht werden können, aber meine Mam überrascht mich auch immer wieder. Auf jeden Fall hasst sie das Geld und ich glaube, dass meine antimaterialistische Weltanschauung auch stark durch diese Ansicht geprägt wurde. Hinzu kam die etwas unkonventionelle Art meines Bruders das zu leben. Ich erinnere mich, wie ich ihm einmal in etwa schrieb: „Ich schulde dir noch X€, wie soll ich dir das zukommen lassen“. Die Antwort war so stark, dass sie mir hängengeblieben ist: „Junge, ich schlag dich gleich.“

Hätte ich nicht solche Vorbilder gehabt, hätte ich sicher viel mehr an meinem Geld gehangen. Ich beobachte noch immer diese Tendenzen „mein Geld“ für mich zu sparen oder für Dinge auszugeben, die „ich mir gönne“. All das ist ziemlich egozentriert und auch hier musste ich lernen, dass mein Kontostand mich weder definiert noch der ausschlaggebende Grund sein sollte, ob ich andere unterstütze oder nicht. Ich bin nun wirklich bei Weitem nicht reich und würde behaupten, dass ich auch ziemlich arm aufgewachsen bin, aber trotzdem gilt für mich: Ich bin der reichste. Jesus sagte einmal sinngemäß: „Warum macht ihr euch Sorgen? Euer Vater im Himmel versorgt sogar die Vögel, dass sie durch den Winter kommen. Wieviel mehr euch?“ Meinem Vater gehört alles und somit bin ich der reichste. Ich lese gerade noch einmal das Markusevangelium und mir fällt ganz neu auf, in welch anderer Realität Jesus lebt. Der Theologe Moltmann meinte an irgendeiner Stelle, dass Jesus die eigentliche Realität lebt. Wunder sind eigentlich gar keine Wunder. Jesus setzt sozusagen bei Wundern schlicht Realität frei und das was wir als normale Realität erleben ist im Grunde nur eine gefallene Realität. Das heißt dann aber auch, dass die wahre Realität eine ist, die wirklich null abhängig ist von materiellen Umständen. Es gibt nur fünf Brote und zwei Fische? Kein Problem. Ein Sturm zieht auf und unser Boot geht fast unter? Easy. Ich habe gerade kein Geld? Na und? Das sollte in der Realität Jesu nur eine wirklich sehr untergeordnete Rolle spielen.

Durchforsten wir die Bibel und schauen, was Gott zum Geld zu sagen hat, dann wird deutlich, dass Geld genutzt wird, investiert wird, damit geplant wird, aber dass es eben vor allem nur eine untergeordnete Rolle spielt. Es spielt, um präziser zu werden, eine dienende Rolle für die Vision Gottes. Eine ganze Reihe anderer Werte und Konzepte sind viel wichtiger. Allen voran die Nachfolge Gottes, aber auch Gastfreundschaft und das Einstehen für Arme beispielsweise. Dann gibt es auch noch die Warnungen vor der Gefahr des Geldes. Das meint dann, dass Geld schnell nicht mehr nur eine untergeordnete Rolle spielt, sondern im Herzen des Menschen mächtiger und mächtiger wird. Und dann passiert ziemlich schnell das, was ich versuche so stark und vorbeugend wie möglich zu vermeiden: Es wird zu meinem Gott und bestimmt mein Handeln. Ich glaube, dass es mir gehört und dass ich darüber bestimmen darf und kann, wie ich es will. Ich ordne es nicht Gott unter und überlege, wie ich das Geld, das Gott mir zur Verfügung stellt, nur für mich und nicht für Gottes Reich einsetzen kann. Anstatt zu verstehen, dass Gott auch Gott über alles Geld der Welt ist und er mir die Möglichkeit schenkt, es zu verdienen und es zu verwalten, glaube ich, dass Gott und Geld nicht in Korrelation stehen und ich, was das Geld angeht, tun und lassen kann auf was ich Lust habe. 

Wie beuge ich dem vor? Gib. Ich lasse Geld los und versuche es für Gott einzusetzen. Das heißt natürlich nicht, dass ich mir nichts kaufe, was primär mir dient, aber es heißt, dass ich auch hier mein Geld immer wieder neu Gott zur Verfügung stelle. Gerade bei großen Einkäufen, die ich tätige versuche ich nochmal extra was an Gott abzugeben und zu spenden. Ich versuche mindestens meinen Zehnten abzugeben und wenn ich irgendwie was über habe, oder gerade dann, wenn es eng wird, gebe ich. Wenn Gott mir es aufs Herz legt und zeigt, dass mein Griff um das Geld wieder enger wird, dann sollte ich so schnell wie möglich loslassen, bevor das Geld mich im Griff hat.

Raum.

Raum war das dritte Konzept, bei dem mir auffiel, dass ich es zu sehr für mich selbst festhielt. Ich liebte mein zweistöckiges WG Zimmer mit extra Bad und unendlich viel Platz und ich hatte gern auch einfach die Türe zu. Ich erkannte, dass ich diesen Bereich nicht abgeben wollte. Ich wollte nicht, dass Gott auch meinen materiellen Raum gebraucht. Ich liebte ihn zu sehr und das zeigte mir dann wiederum, wie fest ich an diesem Egoismus hinsichtlich meines Raumes hing. Ich wollte ihn nicht auch Gott unterordnen, aber mir war klar, dass ich es längst hätte tun müssen. Ich proklamierte Nächstenliebe, keine Grenzen, einen Gott, der mir alles hingibt und mich frei macht, aber lasse meine Türe zu. Wie inkonsequent! 

Ein wenig widerwillig also wurde „Raum“ das dritte Konzept auf meiner Liste der Dinge, die ich Gott zurückgeben wollte. Raum ist ähnlich wie Geld gekoppelt an diese materielle Welt und somit gilt auch hier, was oben schon zu Geld gesagt wurde: Der Raum, den ich anmiete und „mein Zimmer“ nenne, ist eigentlich ein Gabe Gottes, die für ihn eingesetzt werden sollte. Es gibt dieses ziemlich krasse Gleichnis in der Bibel, in dem Gott Menschen verschiedene Mengen an Geld gibt, damit diese das Geld verwalten. Nach einiger Zeit kommt Gott zurück und will sehen, was die Leute draus gemacht haben. Genau das ist der Gedanke von den Dingen, die mir zur Verfügung stehen. Im Grunde sind sie nie mein Eigentum gewesen, in dem Sinn, dass ich damit machen kann was ich will. Gott möchte, dass ich die Dinge, die ich aus seiner Hand und durch seine Gnade empfange, in seinem Sinn nutze und vermehre. Gott will, dass ich über diese Dinge, wie über die Schöpfung an sich „herrsche“. Das meint, dass ich sie verantwortungsvoll verwalte und sie an ihrem festgesetzten Platz gedeihen lasse, schütze und mich um sie kümmere, zugleich aber auch darauf achte, dass sie an ihrem Platz bleiben und ihrer Bestimmung gemäß wachsen. Die Idee vom Raum und Eigentum ist sicher biblisch, aber genauso biblisch ist die Idee vom Teilen und Gastgeben, vom Schenken und Aufnehmen. Ich möchte hier nicht dazu aufrufen, das Konzept von Eigentum gänzlich über Bord zu werfen, aber ich möchte dich ins Nachdenken darüber bringen, ob dein Raum noch Gott untergeordnet ist und ob du bereit bist deine Türe wirklich zu öffnen, wenn Gott dir jemanden über den Weg schickt, der vielleicht einen Platz braucht. 

Das führt mich zur Praxis: Ich schließe immer noch gern meine Türe. Gerade letzte Woche habe ich sogar nicht einmal geöffnet, als es klingelte, weil ich meine Bibellese und meine Gebetszeit in Ruhe beenden wollte. Es ist nicht so, dass ich naiv jeden immer bei mir einkehren lasse. Aber es ist doch so, dass ich das sehr oft tue. In den letzten Monaten haben zu fast jeder Tages- und Nachtzeit Menschen bei mir geklingelt, um zu reden, Tee zu trinken, die Toilette zu nutzen, allein zu arbeiten, zu schlafen oder zu kochen.  Ich habe mehr und mehr gelernt diesen Segen, den ich erhalte, indem ich eine Wohnung und Raum nutzen darf zu teilen. 
Gott ist der größte Geber und von ihm lerne ich, dass ich selbst immer nur beschenkt werde und Gast bin. Gott ist auch der König und alles, was ich je dachte, dass es mir gehört, war immer schon Gottes. Volf schreibt sinngemäß in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Umsonst“: Wir geben in Gottes linke Hand, was uns seine rechte gegeben hat.
 

All das und viel mehr ratterte durch meine Gedanken am Bahngleis in Frankfurt. Als die Frau auf meiner Höhe war stand ich auf: „Hast du schon was gegessen?“ „Nein, nicht richtig“ „Darf ich dich einladen?“ „Jetzt?“ „Ja, klar.“ Ich stand auf und ging mit ihr aus dem Zug. Ich fühlte mich befreit. Zwar hatte ich noch die Hoffnung, meinen Zug doch noch irgendwie zu kriegen und der Frau nur schnell was zu kaufen, aber ich war befreiter als davor. Würde es mich eine Stunde Zeit kosten, die ich mir eigentlich nicht leisten konnte und wollte? Vermutlich. Aber Zeit war nie meines, also warum sollte ich so tun, als gehöre sie mir? Würde es mich Geld kosten, das man als Student auch nicht im Überfluss besitzt? Vermutlich. Aber Geld war nie meines, als warum sollte ich so tun, als gehöre es mir?

Freigiebigkeit befreit. In einer Kultur, die uns beibringt, dass wir definiert werden über was wir besitzen, wird es immer schwerer zu erkennen, was uns eigentlich ausmacht. Vor wenigen Wochen wurde ich gefragt, ob man mir die Bridge eines meiner Lieder klauen dürfte. Ähnlich wie vor wenigen Jahren am Bahngleis fühlte ich diese Zwickmühle in mir. Es ging schließlich um "meine Kunst". So schrieb zuerst zurück: „Inwiefern?“. Doch nach kurzem inneren Kampf fügte ich sofort hinzu: 
„Mir gehört nichts. Man kann mir nichts klauen.“

-
Jonathan Egger, 11.6.19


“Give me the strength to let go
Oh love, light the way home
Light up my soul
I choose mercy instead of control
My life is on loan
Forgive and let go
I embrace a belief I don't know
What a beautiful sound
To lay your life down
Your forgiveness is where I am found
Here in your arms
I finally let down“ 

Switchfoot, The Strength To Let Go