~Zölibat~

-[5 Erkenntnisse nach 10 Monaten]-

Starting a journey

„…keine Ahnung wohin das führt, aber ich bin gespannt.“, schrieb ich am 2.Mai 2018 in mein Tagebuch. Ich wollte mich endlich diesem Gedanken stellen, der seit einigen Monaten in meinem Kopf umherspukte: zölibatäres Leben. 


Es gibt ja wenig Dinge die so faszinierend und spannend sind wie Beziehungskram und Datinggossip. Überhaupt: dieser ganze Lebensbereich rund um Sexualität ist so aufregend zu erleben und zu erforschen, dass es einfach wenig Themen gibt, über die ich bei einem Bier mit guten Freunden lieber rede als unsere heutige Datingkultur. Amüsiert kann man die Hilflosigkeit und gleichzeitig die Neugier beobachten und sich austauschen über dies und das. Man erlebt ja selbst die seltsamsten Geschichten und hört auch die obskursten Gerüchte und Erfahrungen. Neben diesen entspannten und wiederum tiefsinnigen Feierabendbier-Gesprächen stehen wir aber alle doch irgendwie recht ahnungslos diesem großen Themenblock Sexualität[1] entgegen. Manchmal erscheint er uns wie der Ozean, in den wir einfach kopfüber springen und jeden Zug genießen können  und ein anderes Mal erscheint er uns als Felsbrocken, den wir zu erklimmen niemals im Stande sind. Manchmal erscheint er uns als düstere Wolke, die wir einfach meiden und hoffen, dass sie an uns vorüberzieht und manchmal gar erscheint sie wie ein wütender Nachbar, der nichts weiter will, als uns nerven und verletzen. 

In den Monaten vor dem Mai 2018 hatte sich mir die Liebe verschiedentlich geoffenbart, aber insgesamt war es eher die wütender-Nachbar- / düstere-Wolken-Erfahrung gewesen und ich hatte einfach keinen Bock immer wieder neu überfordert zu sein von ihren Werken in meinem Leben. Ich hatte zu viele Fragen im Kopf und war völlig hilflos. Warum ist die Liebe nur so fucking kompliziert? Warum kommunizieren wir so seltsam in diesem Bereich und bekommen es nicht hin was Gesundes auf die Beine zu stellen? Vor allem aber auch: Wie wäre denn ein richtiger, guter Weg/Lebensstil in diesem Bereich? Bin ich der Sexualität und Liebe so hilflos ausgeliefert, dass ich einfach nur dasitzen, warten und hoffen muss, dass sie mir als Ozean erscheint? Oder kann ich das beeinflussen?

Fragen über Fragen und zu allem Überfluss begann ich das Buch der Sprüche in der Bibel zu dieser Zeit zu lesen. Eine Sammlung von Aussprüchen, die man zur Weisheitsliteratur zählt. Also viel Weisheit für den Alltag. Die Art von Weisheit, auf die ich noch weniger Bock hatte und die mich geärgert hat, weil ich wusste, dass sie stimmt, aber mich viel zu krass herausfordert. Vernünftig und weise leben und der Liebe begegnen. Wie soll das in unserer Kultur gehen? Irgendwann in diesem Zeitraum erhielt ich einen Impuls. Ich weiß nicht mehr woher genau er kam, aber ich glaube ein Freund hat mir von einem Buch berichtet, das er gerade liest und in dem es unter anderem auch um das Zölibat geht. 

Enthaltsamkeit in jeglicher Hinsicht. Ein Gedanke, der mir in erster Linie Angst machte. Trotzdem ließ ich den Gedanken ein paar Monate reifen, aber er ließ mich nicht mehr los und so schrieb ich in demselben Tagebucheintrag vom 2.Mai 2018 auch: „…und ich schieb diese kühlen Momente auf, weil ich Angst habe. Angst davor meine Angst zu sehen, mich ihr zu stellen. Nun aber, hier bin ich, bereit mich zu binden, meine Freiheit aufzugeben (oder sie in dir[2] zu finden)“. 

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Now what? 

Ich wollte also zölibatär leben. Was aber genau heißt das? Also konkret, wo beginnt das Ganze denn? Die erotische Liebe ist ja, wie die meisten Gefühlsregungen nicht klar abzutrennen. Was gilt denn schon als eine Tat, die nicht mehr zölibatär wäre? Für mich war diese Frage eine gewesen, die mich lange hadern ließ mit der ganzen Sache, aber es war nur ein vorgeschobener Grund (obwohl die Frage durchaus berechtigt ist und ich sie eigentlich immer noch überhaupt nicht beantworten kann). Eigentlich wusste ich trotzdem genau, wie sich das bei mir grob gestalten würde. Einfach leben, als sei man verheiratet. Nur dass ich nicht verheiratet war. Eine feste Zeit also, in der ich ganz bewusst Single war und auch unter keinen Umständen eine Beziehung eingehen würde. Eine feste Zeit, in der ich mich weder zu Flirts hinreißen lassen würde noch irgendwie sonst innerhalb dieses Lebensbereiches aktiv sein wollte. Im Grunde sehr klar abtrennbar und auch überschaubar. Aber zugleich ist dieser Lebensbereich eben auch so faszinierend und spannend wie nur wenige Dinge. Es war nicht so, dass ich davor irgendwie als "Fuckboy" unterwegs war. Ganz und gar nicht, ich habe schon immer irgendwie den Gedanken von Sexualität innerhalb der Ehe gefeiert und auch sonst schon immer darum gekämpft diesen Lebensbereich so zu leben, dass ich darin wirklich glücklich bin, was sich bei mir vor allem in entspanntem Verzicht äußerte. Aber dieses Zölibat war noch einmal anders geartet. Es war so normativ-absolut, so anmutig-religiös und so fesselnd-herausfordernd. Es war so allumfassend, mächtig und dogmatisch. Sowohl angsteinflößend als auch faszinierend (ich würde hier diesen herrlichen, aus der  Religionsgeschiche stammenden Terminus "faszinosum et tremendum" bemühen. So ähnlich fühlte sich das an :D )


Also startete ich, nachdem ich mir Ringe gekauft hatte und immer, wenn ich daran dachte, trug ich diese. Ein einfaches Symbol für mich zur Erinnerung an dieses Gelübde, das mich jetzt eine fest abgemachte Zeit begleiten würde.


In dieser Zeit (und auch schon in den Monaten davor) habe ich versucht diesen riesigen Themenblock "Sexualität" irgendwie zu verstehen, während ich selbst sozusagen außen vor bin und mit dem Zölibat als Generalkorb, der sexuellen Liebe erstmal die Tür gewiesen hatte. Also verschlang ich Bücher über die Liebe. Von den Klassikern des Tolstoi, Shakespeare, Gorki, Turgenjew, Wilde oder Fontane, über philosophische/theologische Werke oder lebenspraktische Ratgeber von J.M. Comer, M.Nast oder C.S.Lewis, zu einer Menge Podcasts aller Art und weiterhin den guten Feierabendbier Gesprächen. Ich habe auch versucht mich mit den dunklen Seiten der sexuellen Liebe auseinanderzusetzen, mich über Sexsklaverei erkundigt und belesen und abwegige Literatur zu dubiosen Randthemen, von seltsamen Weggefährten wie Marquis de Sade gelesen. Ich habe mich mit der Abwesenheit der sexuellen Liebe und mit Einsamkeit, dem Zölibat (das ich religiös gesehen übrigens echt kacke finde) oder den Auswirkungen von Pornographie beschäftigt. Was genau bist du und wie funktionierst du, Eros?  

Here we go: 5 Erkenntnisse

Ich habe allein durch die eingehende Beschäftigung mit dem Thema eine Menge gelernt. Tatsächlich habe ich einiges sehr viel klarer erkannt und für mich mitnehmen können. Aber auch hier musste ich neu erfahren, dass je mehr man lernt, desto mehr erkennt man, dass man eigentlich nichts weiß. Ich weiß vielleicht mehr, aber ich weiß nun auch, wie groß das Feld ist und dass die Feierabendbier Gespräche nur ein Tropfen abdecken von dem, was es im Ozean der Liebe alles gibt. Ich habe mehr Fragen als zuvor. Das wiederum heißt nicht, dass ich ein paar klare und wertvolle Erkenntnisse mitgenommen habe für mein praktisches Leben. Kommen wir also zu dem Teil, weshalb du diesen viel zu langen Bericht liest. 

Wie macht man das bei solchen empirischen Blogger-Listen noch?:
Ich präsentiere hier die Erkenntnisse, die man einzig und allein nur durch so eine unglaublich lebensverändernde Erfahrung wie ein Zölibat erhält. Einsichten, die man nirgends sonst herbekommt und weshalb jeder, der nicht gänzlich scheitern will in der Sexualität diesen Bericht lesen muss (mehr oder weniger chronologisch angeordnet):

1.        Sexualität liegt so tief, dass sie an die Identität geht. Oder: Die Handhabung meiner Sexualität redet in die tiefste Ebene meines Selbst. Für mich heißt das: Wenn Sexualität geschieht, dann nimmt sie Einfluss in meine Beziehung zu Gott (die in meinem tiefsten Selbst verankert ist). Sexualität kann ich nicht absondern an den Rand meines Lebens. Sie ist zu intensiv und ihre Dosis so hoch, dass sie mein Selbst und damit meine Beziehung zu Gott easy vergiften kann. (Ebenso easy aber auch hart pushen kann.) Frieden über die Sexualität zu haben und sie somit im Zaum zu halten ist wichtig. Im Grunde eine einfache Erkenntnis, wenn man Menschen ansieht, die sich wirklich neu finden müssen nach einer Trennung (passiert ja ständig). Schnell wurde mir klar, dass Probleme in meinem eigenen Leben mit mir selbst und meinem Verhalten oft von einem schlechten Verhältnis zu meiner eigenen Sexualität herrühren. Gesunde Sexualität macht glücklich.

 

2.       Es ist krass viel Arbeit treu zu leben. Es ist einfach fucking schwer zölibatär zu leben. Ich hab es auch nicht geschafft, aber dazu nachher mehr. Der Anspruch zu Treue ist unglaublich hoch und ich habe gemerkt, warum man im Eheversprechen ein „so wahr mir Gott helfe“ hinzufügen sollte. Gleichzeitig habe ich gelernt, wie man mit Fehlern und Versagen hier umgehen kann und ich habe erlebt, dass Vergebung und Offenheit ein guter und heilender Weg ist, der eben vor allem ermutigend und hoffnungsvoll wirkt. Das eigene Versagen ist so frustrierend, dass man schnell entmutigt ist und da Sexualität so tief an die Identität reicht, schlägt all das hohe Wellen. Weiterzumachen und diese unnormal schwere Arbeit anzugehen, ist, meiner kleinen Erfahrung nach, nur über einen tiefen Weg der Vergebung und einer (nicht sexuellen) Liebe möglich.  

 

3.       Symbole helfen. Wie habe ich manchmal diese Ringe gehasst. Als modisches Accessoire sind sie eher wenig aufgefallen, aber ich konnte mich nicht von ihnen befreien und sie erinnerten mich in den unangenehmsten Stunden an ein Versprechen, dass ich abgelegt hatte. Ätzend. Und doch so unglaublich hilfreich. (Und das sage ich als jemand der Ritualen und Traditionen grundsätzlich skeptisch gegenübersteht).

 

4.       Es funktioniert. Ich hatte mir in erster Linie Freiheit erhofft. Noch bin ich nicht dort angelangt. Es ist ein langer Weg, aber ich erkenne schon hier, auf der Reise, dass es ein Weg ist, der funktioniert. Ich hatte innerlich Frieden. Lernte ich jemand kennen, war es einfach keine Option überhaupt über eine Beziehung oder sonstiges nachzudenken. Schrieb oder redete ich mit Leuten, war es nicht drin zu flirten. Ich achtete mehr auf meine Verhaltensweisen, reflektierte mehr darüber und erkannte -welch Wunder- ich war nicht unschuldig gewesen, dass die sexuelle Liebe mir manchmal als böser-Nachbar erschienen war. Es tat zwar ein bisschen weh, aber als ich all das einstellte, war alles auch viel viel entspannter. Tatsächlich. Es funktionierte und ich hatte nicht dauernd diesen Beziehungsstress. 

 

5.       Es ist nie zu Ende. In dem Moment, in dem ich das Zölibat mit seinem normativ-absoluten, so anmutig-religiösen und so fesselnd-herausfordernden Charakter aus dem Blick verloren habe und es für mich nicht mehr wirklich präsent war, ich auch seltener daran dachte die Ringe zu tragen, fiel ich. Ich hatte davor schon öfter in dem einen oder anderen Bereich versagt und die oben beschriebenen Lektionen zu Vergebung und Weitermachen gelernt, aber diesmal fiel ich härter. Ich hatte die unangenehmen Seiten, die mich auch zu dem Zölibat getrieben hatten, vergessen. Die Abwesenheit des Beziehungsstresses war für mich Alltag geworden und ich begann die Konzentration in diesem Lebensbereich langsam zu verlieren. Das Zölibat hatte mich gelehrt diesem Bereich mein Aufmerksamkeit zu widmen und zu beobachten was sich da in mir regte. Doch als die Monate vergingen fiel dieser Fokus mehr und mehr ab und es war nur eine Frage der Zeit, bis ich mich irgendwie in diesem Bereich wieder finden würde. Es war leider nicht das Zölibat, das meinen Fokus darauf lenkte, sondern erneut Beziehungsstress, der aufgekommen war, weil ich irgendwie einfach lebte. Ich lernte, dass so ein Bereich nie geschafft ist. Kein Ring, kein Vertrag, keine Ehe und auch kein Zölibat vermag es das ein für alle mal zu regeln. Es gibt nicht diesen Zeitpunkt, an dem man damit endlich durch ist und endgültig bleibenden Frieden gefunden hat. Man geht ein Bündnis ein, aber das ist eigentlich erst der Start und nicht das Happy End. Es ist wie eine Pflanze, die immer gegossen werden will. Auch nach Jahren, wenn sie zu einem mächtigen Baum herangewachsen ist, muss sie weiterhin treu und beständig gegossen werden,  ansonsten geht sie ein. Man mag zwar meinen, dass man einen gesunden Baum im Garten hat, aber realisiert erst, wenn er aufs Haus stürzt, dass man ihn ja eigentlich hätte pflegen müssen. 

Whats next?

Ich bin noch mitten in meiner zölibatären Lebensphase. Sie dauert noch ein ganzes Stück. Heute sitze ich hier und erneuere mein Zölibat. Ich hab immer noch Angst und wieder muss ich einfach sagen: 
…keine Ahnung wohin das führt, aber ich bin gespannt.

 
(Feedback/Gedanken/Buchempfehlungen/Kommentare erwünscht)

Jonathan Egger, 16.03.2019
(Hinweis: Ich liebe alle Menschen (versuch's zumindest), vor allem auch die, die ihre Sexualität ganz anders ausleben und sich gerade fragen: "WTF habe ich gerade gelesen?!". Das hier ist einfach ein Bericht, der mir geholfen hat zu reflektieren. Bitte nicht alles wortwörtlich nehmen und erst recht nicht blind übernehmen. Love ya :* )


Mein Sohn, lass nicht aus deinen Augen Klugheit und Umsicht, achte darauf. 
Dann werden sie Leben sein für dich und ein Schmuck für deinen Hals.
-Sprüche 3,21f

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[1] ich subsuminiere hierunter alles, was irgendwie in die erotische Liebe gefasst werden kann, von klassischen Dates und langjährigen Beziehungen, über seltsame F+ Geschichten und abgeblasene Hochzeiten bis hin zu sexuellen Eigenarten, Pornographie und vielem mehr, gar nicht so genau eingegrenzt...

[2] d.i. Gott. Ich schreibe eigentlich immer meine Gedanken vor Gott, und ab und zu eben auch zu Gott. Hier zeigt sich, dass ich das Zölibat bewusst auch in der Beziehung zu Gott eingegangen bin. 

[lifestyle]

Texte die irgendwie versuchen zu fassen, warum ich so seltsam lebe, wie ich es tue.